Leseprobe aus "Mord kommt vor dem Fall"

 

Kapitel 1

 

Nur ein Wunder konnte diesen jungen Tag noch retten. Doch Marius war in letzter Zeit nicht mit Wundern verwöhnt worden. Kräftig trat er in die Pedale seines Fahrrads, während die Kälte sich in seinen Waden festbiss. Die kurze Sporthose war zu dünn für Ende September. Wütend dachte Marius an Sarah, die auf keinen seiner Anrufe, keine WhatsApp-Nachricht und auch nicht auf das Läuten an ihrer Wohnungstür reagiert hatte. Er schob den kleinen Hebel vor, doch die Gangschaltung hakte wie immer und rastete erst mit Verzögerung, dafür aber umso lauter, ein. Er hatte es auch gestern nicht geschafft, sie zu reparieren. Die Armbanduhr bestätigte seine Befürchtung: Er kam zu spät zur Arbeit. Zu lange hatte er vor Sarahs Wohnungstür gewartet. Was war er für ein Trottel, dass er sich auf diesen blödsinnigen Deal mit ihr eingelassen hatte! Sie scherte sich einen Dreck darum, ob er Schwierigkeiten bekam oder nicht. In halsbrecherischem Tempo jagte Marius den geteerten Feldweg entlang und bog auf die Landstraße ein, ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren. Das Hupen des Müllautos beantwortete er mit einer Handbewegung, die irgendwo zwischen einem Gruß und einem abfälligen Winken lag. Seine Armbanduhr zeigte bereits fünf nach halb sieben, als er schwungvoll auf den Parkplatz des Schwimmparadieses Main-Taunus einbog, die Schranke umfuhr und mit quietschenden Bremsen vor dem Fahrradständer zum Halten kam.

Eine Handvoll Badegäste wartete vor der Eingangstür, andere saßen in ihren geheizten Autos und stiegen erst aus, als Marius sein Fahrrad abgeschlossen hatte.

»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, junger Mann«, grüßte ihn die alte Dame, die täglich um diese Zeit zum Schwimmen kam und den Kragen ihres abgewetzten Mantels hochgeschlagen hatte. Tadelnd pendelte ihr erhobener Zeigefinger von rechts nach links, während die Falten um ihre Augen tanzten.

»Guten Morgen. Besser spät als nie«, antwortete Marius und steckte den Schlüssel in das Schloss der Eingangstür. Mit einem Ruck zog er den Türgriff zu sich heran und drehte gleichzeitig den Schlüssel im Schloss herum. Dann bückte er sich nach dem Bündel Ebbelheimer Tageszeitungen, das ein fleißiger Austräger in den frühen Morgenstunden neben dem Eingang abgelegt hatte. Frisch gestempelt würden sie später im Sauna- und Fitnessbereich für die Besucher ausgelegt werden. Marius umfasste das schwere Paket mit beiden Händen.

»Vorsicht, das verrutscht«, wies ihn die ältere Dame darauf hin, dass Zeitungen heraus zu fallen drohten.

»Die könnten ja auch mal zwei Bänder spendieren, um die Zeitungen zusammenzuhalten«, erwiderte er und klemmte sich das Paket zwischen Unterarm und Hüfte, um mit der freien Hand die Tür aufzuziehen. Während er am Sicherungskasten die Beleuchtung einschaltete, gingen die Badegäste an ihm vorbei zu den Umkleidekabinen. Es waren ausnahmslos Dauergäste mit Jahreskarte, die entweder vor der Arbeit ein paar Bahnen schwammen, oder Rentner, die den Early-Morning-Tarif nutzten. Marius warf die Zeitungen auf den Kassentresen, von wo aus die Kollegin sie später verteilen würde, ging den Gang zwischen den Umkleidekabinen entlang und öffnete seine Jeansjacke. Aus einem der Spiegel schaute ihm sein verkatertes Gesicht entgegen. Die straßenköterblonden Haare waren vom Fahrtwind zerzaust und hatten ewig keinen Friseur mehr gesehen. Vor zwei Tagen hatte er sich das letzte Mal rasiert. Brad Pitt würde in diesem Look als ›Sexiest Man Alive‹ gelten, ihn hingegen würde man bestenfalls ungepflegt nennen. Seit Jennifer vor einem dreiviertel Jahr nach Deutschland zurückgekehrt war und seine Wiedersehensfreude mit der endgültigen Trennung beantwortet hatte, ließ er sich gehen. Dabei war er schlank, groß, athletisch und, wie er fand, durchaus attraktiv. Aber es gab zurzeit niemanden, den das interessierte. Frustriert betrat Marius die Schwimmhalle. Warme Temperatur, hohe Luftfeuchtigkeit und der Geruch von Chlor schlugen ihm entgegen. Die Wasseroberfläche des Erlebnis- und Spaßbads war spiegelglatt und würde sich erst kräuseln, wenn um neun Uhr die Sprudel und Fontänen eingeschaltet wurden. Bis dahin war für die Frühschwimmer nur das Sportbecken freigegeben. Ein Glaskasten in tropisch anmutender Bambusverkleidung diente dem Personal als Beobachtungsposten und Büro. Lässig schmiss Marius seine Jacke auf das Sideboard, kickte seine Turnschuhe unter das Regal und angelte mit den Füßen seine Badeschlappen hervor. Routiniert griff er nach den Reagenzgläsern, um eine Wasserprobe zu entnehmen. In den Duschen plätscherte bereits das Wasser, als er die Bademeisterloge verließ, sich dem Sportbecken zuwandte und den Dreimeterturm erblickte. Abrupt blieb er stehen und starrte nach oben.

 

Sarah lag auf dem Rücken. Weit hingen ihre Arme und ihr Kopf von der Vorderkante des Sprungbrettes hinunter, als würde sie gleich die Beine heben und sich mit einem ihrer Saltos und jeder Menge Drehungen ins Wasser katapultieren. So wie sie es fast jeden Tag bei ihren Trainingseinheiten tat. Doch sie bewegte sich nicht. Stattdessen hatte sich ihr rechtes Bein leblos zwischen den seitlichen Gitterstäben verfangen, die die Badegäste vor einem Absturz schützten. Seine Badeschlappen quietschten, als Marius am Beckenrand entlang rannte. Hastig kletterte er die Leiter des Dreimeterturmes hoch und hörte dabei das laute »Halleluja!« der alten Dame, die in die Schwimmhalle gekommen war und nun auf den Sprungturm starrte. Ihr altmodischer Badeanzug und die Badehaube mit den dicht aufgenähten weißen Rüschen konnten in keinem größeren Kontrast zu Sarah stehen, die nun mit ihrem knappen dunkelblauen Sportbadeanzug zu seinen Füßen lag. Ihre Haut schimmerte zartrosa und ließ sie unnatürlich gesund aussehen. Obwohl er ahnte, dass es vergeblich war, balancierte er an ihr vorbei, klammerte sich an das Geländer, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, und beugte sich über sie. Er wollte ihren Puls fühlen, doch ihre Arme hingen in die Tiefe, so dass ihre Handgelenke für ihn unerreichbar waren. Blieb noch die Halsschlagader, aber auch dazu musste er das Geländer loslassen. Vorsichtig hob Marius sein rechtes Bein und setzte es über Sarahs Hüfte, bis er einen schmalen Streifen des Gummibelags unter seiner Sohle spürte. Das Sprungbrett gab leicht nach, sobald er es mit seinem Körpergewicht belastete. Er wartete, bis die Schwingung nachließ und streckte seinen Arm aus. Wenige Zentimeter trennten seine Hand von Sarahs Hals. Obwohl er sich im Zeitlupentempo nach vorn beugte, hatte er das Gefühl, das Sprungbrett würde sich nach unten neigen. Vorsichtig beugte er seinen Rumpf und näherte seine Hand ihrem Hals. Gerade als er unter seinen Fingerspitzen ihre Haut spürte, verlor Marius das Gleichgewicht und stürzte in das Schwimmbecken.

Prustend tauchte er wieder an der Wasseroberfläche auf. Er wusste nicht, was ihm mehr den Atem nahm, das kalte Wasser, der unerwartete Sturz oder Sarah, die trotz seines Manövers unverändert auf dem Dreimeterturm lag. Mit wenigen Schwimmzügen erreichte Marius die Leiter und stieg aus dem Becken. Kurz vergrub er sein Gesicht in beiden Händen, schob dann die nassen Haare aus der Stirn und die Feuchtigkeit aus seinem Gesicht. Was sollte er nur tun? Was würde passieren? Seine Badelatschen trieben auf der Wasseroberfläche und blieben ihm eine Antwort schuldig. Langsam schlich er zur Bademeisterloge und griff nach dem Telefon. Der Gedanke an das, was auf ihn zukommen würde, schnürte ihm die Kehle zu, als er auf der Tastatur die Eins, Eins, Null drückte.

 

***

Rosalie zupfte an den Rüschen ihrer Badekappe, unter der ihre Kopfhaut juckte. Eine Leiche am frühen Morgen konnte einem auf den Magen schlagen. Dass sie der jungen Frau ausgerechnet auf diese Weise wieder begegnen würde, hätte Rosalie in ihren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten. Das Leben ging manchmal seltsame Wege, aber das war ihr nicht neu. Für einen Moment hatte Rosalie gedacht, den jungen Mann hätte der Schlag getroffen, als er von dem Dreimeterturm gestürzt war. Beinah wäre ihm die schöne junge Frau gefolgt. Wie rettete man einen ertrunkenen Bademeister? Rosalie hätte es nicht gewusst und sie war erleichtert, als der Arme an der Oberfläche aufgetaucht war. Jetzt saß er in der Bademeisterloge und stammelte wirres Zeug ins Telefon, aus dem ein Polizeibeamter am anderen Ende der Leitung Rückschlüsse ziehen musste. Ein bleicher Mann mit langer, bunter Hawaii-Badehose kam um die Ecke und legte sein sorgfältig aufgerolltes Handtuch auf eine der Liegen. Da der Bademeister wie ein Häufchen Elend dasaß und offensichtlich zu keiner Handlung fähig war, beschloss Rosalie, die Sicherung des Leichenfundortes bis auf weiteres zu übernehmen. Mit fester Stimme sprach sie den Badegast an: »Entschuldigung, Sie können hier heute nicht schwimmen.«

Der Mann drehte sich zu ihr und schaute auf sie herab. »Sagt wer?«, fragte er mit einer unüberhörbaren Spur von Arroganz. Sicher warteten in seinem Spint Nadelstreifenanzug und Aktentasche auf ihn. »Ich«, antwortete Rosalie und deutete hinter ihn. Genüsslich beobachtete sie, wie er augenblicklich seinen bereits geöffneten Mund wieder schloss, als er die Frau auf dem Sprungturm entdeckte. Wortlos nahm er sein Handtuch und trat den Rückzug an. Inzwischen war ein durchtrainierter Adonis in der Schwimmhalle aufgetaucht. Seine stromlinienförmige Badekappe schmiegte sich so eng an seinen Kopf wie die knappe schwarze Badehose an seine Lenden. In den Ohren hatte er orangefarbene Schaumstoffstöpsel und seine Augen verschwanden gerade hinter einer neongrünen Schwimmbrille, als Rosalie ihm auf die Schulter tippte und mit dem Daumen zum Sprungturm zeigte. Mit einem herzhaften, aber knackig kurzen Fluch begrub der Mann die Hoffnung auf sein Schwimmtraining. Um weitere Badegäste fernzuhalten, versperrte Rosalie den Durchgang von den Duschen zur Schwimmhalle mit einigen Liegen. Einer Frau im geblümten Badeanzug empfahl sie kurzerhand das Erlebnisbecken. Dann betrat Rosalie den Glaskasten, nahm dem hilflosen Bademeister das Telefon aus der Hand und stellte es in die Aufladestation zurück. Vornüber gebeugt saß er auf dem einzigen Hocker und wühlte mit den Händen in seinen langen, struppigen Haaren, aus denen das Wasser ebenso auf den Boden tropfte wie aus seiner Kleidung.

»Kopf hoch, das wird schon wieder«, versuchte Rosalie ihn zu ermutigen.

»Mir ist schlecht«, antwortete er. »Ich habe noch nie eine Leiche gesehen. Und dann ausgerechnet Sarah!«

Aus einer Plastikbox mit der Aufschrift ›Fundsachen‹ zog Rosalie ein Frotteehandtuch und legte es dem jungen Mann über

die Schulter.

»Sie sehen aus wie ein begossener Pudel. Hier nehmen Sie das erst mal.« Aufmunternd klopfte sie ihm auf den Rücken und ließ ihn dann allein.

In einem deckenhohen Regal stand eine verwaiste Badetasche mit dem blauen Logo des Deutschen Schwimmverbandes. Die leere Wasserflasche daneben nahm Rosalie mit. Es war unglaublich, wie achtlos viele Menschen ihre Pfandflaschen überall lie-gen ließen oder gar wegwarfen. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert, schoss es ihr durch den Kopf. Rosalie hatte lernen müssen, mit kleinen Beträgen auszukommen. Jetzt beeilte sie sich, ließ die Duschen links liegen, holte ihre Sachen aus ihrem Spint und verschwand in einer Umkleidekabine, um sich in Windeseile anzuziehen. Kurz darauf überquerte sie mit schnellen Schritten den Parkplatz und erreichte die Bushaltestelle, als eine Sirene die Ankunft von Notarztwagen und Rettungsfahrzeug ankündigte. Aus der entgegengesetzten Richtung bog die Polizei bereits auf den Parkplatz ein. Geschafft! Erleichtert ließ Rosalie sich auf die Bank des Wartehäuschens fallen. Mit schlurfendem Schritt näherte sich ein älterer Mann mit zotteligen Haaren, einer enormen Nase und derben, schmutzigen Schuhen. Die Ärmel seiner dicken Lodenjacke endeten deutlich oberhalb seiner Handknöchel. Der ehemals beige Pullover reichte dafür bis über den Handrücken. Wortlos wandte der Mann sich dem Mülleimer zu. Rosalie beobachte ihn, wie er erst eine alte Zeitung und dann zwei Tetrapackungen anhob, um sie resigniert wieder zurückzustopfen. Trotz der frühen Stunden kam er zu spät. Seine ärmliche Erscheinung rührte sie. Es gab Menschen, denen es noch schlechter ging, als ihr selbst. Wortlos öffnete sie ihre Tasche und entnahm ihr vier Flaschen, die sie selbst eingesammelt hatte, und streckte sie dem Mann entgegen. Dankbar schaute er sie an und griff zu.

 

***

Ob es Stunden oder Minuten waren, bis die Polizei eintraf, hätte Marius nicht sagen können. Irgendwann tauchten zwei uniformierte Polizisten in der Schwimmhalle auf, gefolgt von zwei Rettungssanitätern und einer jungen Frau, denen er wortlos mit einem Wink der Hand den Weg zum Sprungturm wies. Während die Sanitäter und die junge Frau in die gezeigte Richtung eilten, forderten die Polizeibeamten neugierige Badegäste auf, zurückzutreten. Der Mann mit der Hawaii-Badehose hatte sein Handtuch wie einen Schal um den Hals gelegt und machte Aufnahmen mit seinem Smartphone, bis sich ein Polizeibeamter vor seine Linse stellte. Alle wurden gebeten, ihre Beobachtungen am besten sofort zu Protokoll zu geben. Aber niemand hatte etwas gesehen. Einer der Sanitäter kehrte zu Marius zurück. Seine breiten Oberarme dehnten das weiße Poloshirt bis zum Maximum und mit einer Körpergröße von knapp zwei Metern füllte er den Türrahmen nahezu komplett aus.

»Brauchen Sie Hilfe? Wie geht es Ihnen?«

»Nein«, Marius räusperte sich. Sein Hals kratzte und die Stimme wollte nicht gehorchen. »Ich bin okay.«

»Sie sehen blass aus und haben Schweißperlen auf der Stirn. Es ist vollkommen normal, dass Sie unter Schock stehen. Ich würde gern Ihren Blutdruck messen.«

»Nicht nötig, alles okay soweit.«

»Sind Sie sicher?« Ungefragt griff der fremde Mann nach Marius´ Handgelenk und tastete nach dem Puls. Unwirsch entzog Marius seinen Arm und starrte auf die Pfütze zu seinen Füßen.

»Mir geht es gut.« Der Sanitäter würde ihm ohnehin nicht helfen können.

»Darf ich mal vorbei?« Eine weibliche Stimme ertönte hinter dem Riesen, der einen Schritt zurücktrat, um den Weg frei zu geben.

»Sind Sie der diensthabende Bademeister?«, fragte die Frau, die zu ihren Jeans rote Ballerinas trug. Marius nickte stumm.

»Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«

Marius hatte seine Stimme nicht unter Kontrolle und beließ es bei einem Nicken.

»Sicher?« Die Frage galt wohl eher dem Sanitäter, denn dieser knurrte ein kurzes »Scheint so« und fragte dann: »Brauchen Sie uns hier noch, oder können wir wieder fahren?«

»Ich denke, für Sie gibt es hier nichts mehr zu tun. Vielen Dank für die schnelle Unterstützung«, sagte die Frau.

»Schönen Tag noch,« gab der Sanitäter zurück und entfernte sich. Marius starrte weiterhin die Härchen auf seinem großen Zeh an.

»Guten Morgen, mein Name ist Zettelmann. Ich bin Kommissarin der hiesigen Polizeidienststelle. Haben Sie uns angerufen?«

Dies galt eindeutig ihm. Mühsam riss Marius sich von dem Anblick seiner Füße los und hob den Kopf. »Ja.«

Die Kommissarin war eine zarte, eher klein gewachsene Frau mit tiefschwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen, deren mandelartige Form asiatische Wurzeln verriet.

»Können Sie mir ein paar Fragen beantworten?« Ihre Stimme klang warm und freundlich. Aus ihrer Tasche förderte sie Notiz-block und Bleistift zu Tage und sah ihn erwartungsvoll an.

»Hmm«, brummte Marius.

»Wie ist denn Ihr Name, bitte?«, fragte sie.

»Marius Walkert.«

»Sind Sie hier der Bademeister?«

»Nein, ich bin ausgebildeter Rettungsschwimmer und jobbe hier. Die Bademeisterin ist Frau Langer.«

»Wo finde ich Frau Langer?«

»Sie hat heute frei.«

»Dann waren Sie heute Morgen als Erster hier und haben das Schwimmbad aufgeschlossen?«

Er nickte.

»Wann war das?«

»So kurz nach halb sieben.«

»Waren Sie allein?« Ihr Stift kratzte über das Papier.

»Nein, ich hatte mich etwas verspätet und einige Badegäste haben schon draußen vor der Tür gewartet.«

»Sie haben aufgeschlossen, sind gemeinsam mit den anderen hereingegangen – und was passierte dann?«

»Ich habe meine Runde gedreht und dann Sarah auf dem Sprungturm gesehen.«

»Sie kennen die Tote?« Sie hob eine Augenbraue.

»Ja, Sie nicht?« Es war ihm undenkbar, dass jemand Sarah nicht kannte. »Sarah Müller, die Kunstspringerin. Sie hat unglaublich viele Wettkämpfe gewonnen und eine großartige Karriere vor sich.«

»Hat sie hier regelmäßig trainiert?«

»Nein, normalerweise trainiert sie in Frankfurt. Aber manchmal kommt sie zu uns.«

»Wissen Sie warum?«

Noch bevor Marius antworten konnte, drängte sich ein korpulenter, grau melierter Herr an der Kommissarin vorbei und mur-melte ein knappes »Guten Morgen. Was haben wir hier?«

Frau Zettelmann zuckte zusammen und trat einen Schritt zur Seite. »Guten Morgen, Chef. Herr Walkert ist Mitarbeiter des Schwimmbades und hat heute Morgen bei Dienstbeginn eine tote Kunstspringerin auf dem Dreimeterturm gefunden.«

Die buschig-borstigen Augenbrauen des Mannes näherten sich dem Nasenbein, als er Marius aus zusammengekniffenen Augen betrachtete.

»So, so, und Sie waren der Erste heute Morgen?«

»Ja.«

»Und wer war der Letzte, der hier gestern Abend abgesperrt hat?« Seine Augen fixierten Marius wie eine Schlange das Ka-ninchen. Jeder Quadratzentimeter seines opulenten Körpers verströmte die Aura eines Vorgesetzten, der alle um sich herum klein hielt.

»Ich.« Es gelang Marius nicht, so selbstbewusst und souverän zu klingen, wie er es gern gewollt hätte.

»Ach, das ist ja interessant. Wann war das?«

»Gegen Mitternacht.«

»Und um die Zeit war diese Kunstspringerin schon hier?«

»Ja.«

»Hat sie einen eigenen Schlüssel für das Schwimmbad?«

»Nein.«

»Wie sollte sie dann nach Ende ihres Trainings wieder abschließen? Oder hatten Sie die Eingangstür offen gelassen?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Also, wie sollte das Opfer die Schwimmhalle verlassen?« Leugnen war zwecklos. So fügte sich Marius in sein Schicksal

und gestand: »Ich habe ihr einen Zweitschlüssel gegeben.«

Der Dicke sog hörbar die Luft ein. »Ist das üblich? Ich meine, trainiert sie hier regelmäßig alleine?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Was heißt eigentlich?«

»Normalerweise ist ihr Trainer bei ihr und sie kommt während der regulären Öffnungszeiten.« Unbehaglich strich Marius mit einer Hand über seine Bartstoppeln. Er hätte sich in der Früh rasieren sollen, das hätte einen seriöseren Eindruck gemacht.

»Und wenn mal gerade nicht ›normalerweise‹ ist, bekommt sie einfach so einen Schlüssel vom Schwimmbad.«

»Nicht so direkt.« Marius wusste nicht wohin mit seinen Händen, die ruhelos über seine Beine strichen. Obwohl er gerade noch gefroren hatte, trieb ihm jetzt der Schweiß aus allen Poren und ließ das ohnehin feuchte T-Shirt an seinem Körper kleben. »Ich habe ihr ausnahmsweise einen Schlüssel gegeben.«

»Unberechtigterweise, nehme ich an«, ergänzte der Mann, was Marius mit einem knappen Kopfnicken bestätigte.

»Wer wusste außer Ihnen, dass die Frau hier am späten Abend trainierte?«

»Niemand, soweit ich weiß«, flüsterte Marius.

Als habe er bekommen, wonach er suchte, verlor der Mann augenblicklich das Interesse an Marius. Im Rausgehen wandte er sich an die Kommissarin, die ihm bereitwillig Platz machte.

»Nehmen Sie ihn mit. Er durchläuft das volle Programm. Ich will mich später auf dem Revier mit ihm unterhalten. Aber vorher brauche ich die Ergebnisse der Spurensicherung und eine erste Einschätzung vom Doc. Haben Sie sich die Leiche angesehen, Frau Zettelmann?«

Die Angesprochene drehte den Bleistift in ihrer Hand, als gelte es, einen Rekord in Stifterotation aufzustellen.

»Ja, selbstverständlich aus der Ferne.«

»Aus der Ferne? Sie betrachten eine Person aus der Ferne und kommen zu der Erkenntnis, dass es sich um eine Tote handelt?«

»Nun ja, die Frau ist in einer etwas schwierigen Lage.« Der Bleistift kreiste ohne Unterbrechung.

»Das glaube ich gern. Aber so werden Sie keine Verbrechen aufklären. Die Erfolgsquote bei der Verbrechensbekämpfung ist bei der Polizeidienststelle Ebbelheim überdurchschnittlich hoch. Aber bestimmt nicht, weil wir aus der Ferne ermitteln. Merken Sie sich das.«

Damit stapfte der Kommissar in Richtung Sportbecken davon.

 

***

Erst der dritte Arbeitstag auf der neuen Dienststelle und dann gleich ein Leichenfund. Dazu dieser Kotzbrocken von Chef. Warum war ihr letzteres beim Vorstellungsgespräch nicht aufgefallen? Analyn drehte den Bleistift zwischen ihren Fingern, unschlüssig, wie sie jetzt am besten weitermachte. Die Befragung des Bademeisters war zunächst abgeschlossen. Sollte sie ihrem Chef folgen? Auf weitere Belehrungen seinerseits legte sie keinen Wert. Die uniformierten Kollegen waren in einen lautstarken Wortwechsel verwickelt, den Analyn nur teilweise verstehen konnte. Gerade als sie aus der Bademeisterloge trat, schoss ein Mann in knallroten Jeans und schwarzer Lederjacke an der Absperrung vorbei. Sein breites Kreuz und der kräftige Nacken wiesen ihn für Insider sofort als Schwimmer aus. Einer der Polizisten folgte ihm und versuchte vergeblich, ihn am Weitergehen zu hindern. Analyn stellte sich dem Mann direkt in den Weg.

»Stopp! Sie können hier nicht weitergehen. Das ist ein Tatort!«

»Mir doch egal.« Mit einer kräftigen Armbewegung wurde sie zur Seite geschoben. »Ich muss zu Sarah.«

»Wer sind Sie überhaupt?«, rief Analyn dem Rüpel hinterher, der sein Ziel nicht aus den Augen ließ.

»Wolfgang Gloucher«, kam die Antwort aus der Bademeisterloge.

»Wolfgang Gloucher? Und wer ist das, bitte schön?« Analyn rieb ihren schmerzenden Arm. Der Typ hatte sie ziemlich hart erwischt.

»Sarahs Trainer. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet«, informierte sie der Aushilfsbademeister.

»Und wie kommt der jetzt hierher? Haben Sie ihn verständigt?«

»Ich? Im Leben nicht!«

Analyn ließ es dabei bewenden. »Kommen Sie, Herr Walkert. Wir gehen.«

Barfuß trat Marius vor die Bademeisterloge. Geistesgegenwärtig bückte Analyn sich nach dem einzigen Paar Turnschuhe und reichte sie dem sichtlich verstörten jungen Mann. Gemeinsam blickten sie zu dem Sprungturm, wo der uniformierte Polizist versuchte, den Trainer von einer Besteigung abzuhalten. Ihr Chef hingegen stand oben auf der Plattform und betrachte genervt das Geschehen. Kaum hatte Wolfgang Gloucher sich aus den Klauen des Polizisten befreit, begann er, hastig die schmale Leiter emporzuklettern, dicht gefolgt von dem Beamten, der vergeblich nach seinem Fuß schnappte. Oben angekommen, kam es zu einer Rangelei mit dem Hauptkommissar, der mit seinem massigen Körper den Zugang zum Sprungbrett blockierte. Inzwischen hatte auch der uniformierte Polizist das Podest erreicht und überwältigte gemeinsam mit seinem Vorgesetzten den Trainer. In diesem Moment setzte sich Sarah Müller wie von Zauberhand in Bewegung und vollführte ihren letzten Sprung aus drei Meter Höhe in ein Schwimmbecken.